Nur kein „Kirchturmdenken!“

Interview mit dem Geschäftsführer der Automotive Cluster Ostdeutschland GmbH (AC OD) Dr. Jens Katzek

Dr. Jens Katzek Geschäftsführer der Automotive Cluster Ostdeutschland GmbH (ACOD)

Sie sind seit dem 1. Februar Geschäftsführer der Automotive Cluster Ostdeutschland GmbH (ACOD). Welche Schwerpunktaufgaben sehen Sie als zentral an?

Cluster sind kein Selbstzweck. Sie müssen den Unternehmen und Forschungseinrichtungen einen Nutzen bieten. Und wir wollen möglichst viele Unternehmen dabei unterstützen, akzeptierte Partner der großen Zulieferer von Automobilherstellern zu werden.

Der Schlüssel zum Markterfolg sind Innovationen. Um dieses Thema rankte sich auch der Schwerpunkt unseres diesjährigen Jahreskongresses, den wir erstmals im BMW Werk in Leipzig durchgeführt haben.

Das Feedback der 200 Teilnehmer zeigte, dass wir mit der Orientierung auf praxisnahe Beispiele aus Unternehmen unterschiedlicher Größe den aktuellen Nerv getroffen haben. Schnell wurde übrigens klar, dass es beim Thema Innovationen nicht nur um ingenieurwissenschaftliche Lösungsansätze ging, sondern Kreativität auch bei Themen wie Firmenstrukturen oder Mitarbeiterführung gefragt ist.

Und welche strategischen Zielsetzungen wollen Sie langfristig verfolgen?

Nach Erhebungen des VDA ist die Weltproduktion der Automobilhersteller (OEM) seit 2010 kontinuierlich gewachsen. Zeitgleich blieb die Inlandproduktion relativ stabil. Auch bei der Zulassung, die in Deutschland bei ca. 3 Mio. Einheiten liegt, bleiben die Zahlen seit 2010 relativ konstant.

Man muss kein Mathematikgenie sein, um zu erkennen, dass wir zukünftige höhere Löhne und Energiekosten nur durch eine höhere Produktivität auffangen können – wir also weitere Prozessund Produktinnovationen benötigen.

Märkte wie Mexiko, Brasilien, Indien oder China haben sich in den letzten Jahrzehnten unglaublich entwickelt. Und sie werden auch Innovationen auf den Markt bringen. Aber gleichzeitig wissen wir auch, dass Deutschland sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder ganz besonders durch seine Innovationsfähigkeit ausgezeichnet hat. Deshalb ist es nicht nur Lokalpatriotismus, wenn man dieser Region auch in Zukunft zutraut, an frühere Erfolge anzuknüpfen, sondern man setzt auf jemanden, der immer und immer wieder gezeigt hat, dass er ein Gewinner ist, dass er seine Leistung bringt – in guter Qualität und zu einem guten Preis.

Und vergessen wir bitte nicht: Automobilhersteller brauchen auch in der langfristigen Zukunft die Wahlfreiheit zwischen vielen unterschiedlichen Innovationen.

Das aber setzt viele Unternehmen am Markt voraus. Vor diesem Hintergrund macht es auch für OEMs und für große Tier-1 Unternehmen mit eigenen F&E-Abteilungen aus purem Egoismus Sinn, Clusterorganisationen zu unterstützen, wenn sie sich zum Ziel gesetzt habe, die ostdeutschen Unternehmen in ihrer Innovationsfähigkeit und Entwicklungskompetenz zu stärken.

Wo sehen Sie neue Betätigungsfelder für Ihren Verband, die sich aus der technischen Weiterentwicklung und Innovationen ergeben – Stichwort: e-Mobilität?

Internationalität und Innovation sind die zentralen Herausforderungen der Unternehmen. Der ACOD will die ostdeutschen Unternehmen in ihrer Innovationsfähigkeit mit verschiedenen Maßnahmen unterstützen. Dafür müssen Clustermanagementstrukturen aber offen sein. Nicht die Abgrenzung auf ein Technologiefeld darf im Mittelpunkt unserer Betrachtungen stehen, sondern die Fähigkeit, auch in Zukunft wettbewerbsfähige Autos anbieten zu können.

Wir glauben deshalb, dass die Zusammenarbeit der Automotiv-Cluster mit verschiedenen thematischen Clustern, sei es IT, Chemie oder Logistik, in der Zukunft immer wichtiger wird. Und vor diesem Hintergrund ist uns auch die Zusammenarbeit mit der Metropolregion Mitteldeutschland so wichtig.

Welche Auswirkungen hat die Entwicklung neuer Werkstoffe, wie wirken sie sich auf die Ausrichtung des Netzwerkes aus?

Gleich zu Beginn meiner Tätigkeit hatte ich das Glück, dass wir uns an einem Innovationsforum für Hochleistungsfaserverbundstoffe des Carbon Composite e. V. (CC-Ost) beteiligen konnten. Und wir werden uns auch an dem CC-Folgeprojekt beteiligen, in dem es um das shared-factory-Konzept geht, d. h. wie können KMU die notwendigen Investitionen, die mit der Nutzung neuer Werkstoffe verbunden sind, durch andere Managementmodelle reduzieren?

Neue Werkstoffe haben natürlich auch Konsequenzen für die Aus- und Fortbildung. Wir haben in der Region zum Beispiel mit dem TÜV Thüringen oder dem Volkswagen Bildungsinstitut GmbH zwei sehr erfahrene Akteure.

Gespannt bin ich auch auf die Ergebnisse einer Untersuchung, die im Auftrag der Stiftung „Neue Länder“ durchgeführt wird, und in der es um die Qualifikationserfordernisse in der ostdeutschen Automobilindustrie geht. Von besonderem Interesse ist dort, was auf betrieblicher Ebene an Zukunftsqualifizierung passiert, wo es im Zuge der Fachkräftesicherung noch Nachholbedarf gibt und wie die arbeitsmarktpolitischen Instrumente darauf vorbereitet sind.

Das Automotiv-Cluster Ostdeutschland ist eines von fünf gut organisierten Cluster-Netzwerken, die von hier aus weit über die Region hinaus wirksam werden und sich im Bereich „Automotive & Zulieferindustrie“ engagieren. Wo sehen Sie Schnittstellen?

Der ACOD wurde gegründet, um die Länderinitiativen zu stärken. Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz. Die Länderinitiativen und den ACOD gibt es nur im „Doppelpack“. Etwa 500 Unternehmen sind in den Ländern in ihren regionaleren Strukturen organisiert. Alleine die schiere Zahl macht deutlich, dass eine „Zentralbetreuung“ vollkommen überfordert wäre, den Anforderungen der Unternehmen und Forschungseinrichtungengerecht zu werden.

Wir haben uns zum Ziel gesetzt, zusammen mit den Länderinitiativen Maßnahmen umzusetzen, die auf Länderebene nicht mit der gleichen Stoßkraft möglich sind, oder aber in einem größeren Verbund einfach mehr Sinn machen.

Der Hintergrund dafür ist ganz trivial: Die Automobilbranche ist international aufgestellt – und mit „Kirchturmdenken“, das an Ländergrenzen halt macht, hat man in einer globalisierten Welt langfristig keinen Erfolg. Bei aller Konkurrenz im Einzelfall sind wir fest davon überzeugt, dass eine länderübergreifende Zusammenarbeit für alle Beteiligten einfach besser ist.

Diesen Ansatz betrachtet übrigens auch die Politik mit wachsendem Interesse. Iris Gleicke, Beauftragte für die Belange der neuen Länder, hat auf unserem Kongress explizit darauf hingewiesen, dass „je breiter die Basis des ACOD ist, umso wettbewerbsfähiger und innovativer werden die Einzelunternehmen und die Branche als Ganzes sein.“

 

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